Biometrische Gleitsichtbrillen – ein Meilenstein für besseres Sehen oder nur ein Marketing-Hype?

Michael Eberz, Optikermeister
Funktionaloptometrist und Sehtrainer

Sie begegnen uns derzeit überall, in Schaufenstern von Augenoptiker, auf großen Plakatwänden oder in Online-Werbeanzeigen: Die innovativen biometrischen Gleitsichtbrillen, mit denen das Sehen besser und entspannter werden soll. Die Werbebotschaften reihen sich damit ein in das große Konzert von Versprechen, dass durch die rasanten technischen Entwicklungen, durch neue Werkstoffe und künstliche Intelligenz eine besseres Leben ermöglicht wird, das uns beruflich erfolgreicher und persönlicher glücklicher machen wird. 

Was ist also dran an diesen innovativen Brillen, was bedeutet „biometrisch“ und für wen sind solche Produkte wirklich interessant und bedeutend? 

Biometrische Brillengläser: Eine kritische Betrachtung

In diesem Video erfahren Sie unsere Sicht auf die neuen biometrischen Gläser anhand von 9 Fragen, die möglicherweise auch für Sie spannend sind:

Hier die 9 Fragen und wann sie im Video beantwortet werden

00:02 Biometrische Gläser - Warum eine kritische Betrachtung?
06:01 Sind Spezialgläser für die biometrische Brille notwendig?
06:23 Gibt es die biometrische Brille auch als Sonnenbrillen
07:11 Gibt es auch etwas was dagegen spricht?
08:12 Brauche ich dann keine Arbeitsplatzbrille mehr?
08:43 Sind biometrische Gläser schwerer, als herkömmliche Gleitsichtgläser
09:26 Gibt es besondere Nachhaltigkeitsaspekte?
10:44 Hochleistung kostet auch sicher etwas mehr?
11:43 Worin besteht der besondere Nutzen, den Sie als Optiker bieten?

Hier eine Checkliste, anhand derer Sie der Frage nachgehen können, ob die biometrische Brille auch für Sie passt:

1. Was ist das Besondere an einer Gleitsichtbrille?

Wenn das Auge älter wird…

… dann nimmt die Elastizität der Augenlinse ab. Das ist ein ganz natürlicher, lebenslanger Prozess. Bei Kindern kann sich die Augenlinse im Innern des Auges noch so stark verformen, dass es mühelos gelingt, beispielsweise ein Auto in der Ferne genau so scharf zu sehen wie ein Buch in der Nähe, das geht spielerisch leicht und in aller Regel ohne eine Brille. Spürbar wird die nachlassende Elastizität der Augenlinse meist im Alter ab 40, wenn die Arme gar nicht lang genug gestreckt werden können, um die Buchstaben klar zu sehen. Es ist für viele Menschen Zeit für die erste Brille im Leben, die Lesebrille.

Brille auf beim Lesen, Brille ab beim Autofahren, irgendwann wird es einfach zu umständlich. “Gibt es denn keine Brille, die ich für alles nehmen kann?” ist dann die Frage. Und die Antwort lautet: Gleitsichtbrille! Immer dann, wenn für den Blick nach vorn eine andere Brillenstärke verwendet wird als für den Blick nach unten, sprechen wir von einer Gleitsichtbrille. Damit ist beides möglich: Lesen in der Nähe im unteren Bereich, scharfes Sehen in der Ferne oder auf einen Bildschirm am Arbeitsplatz beim Blick nach vorn.

Höchstleistung rund um die Uhr

Während die Alterung des Auges ein ganz natürlicher Vorgang ist, haben sich im Alltagsleben vieler Menschen die Anforderung an ein möglichst perfektes Sehen in den letzten Jahrzehnten massiv verändert.

 In vielen Bereichen haben Computer-Arbeitsplätze und kleine Displays Einzug gehalten, selbst in Berufen, die nicht im engeren Sinn zu typischen Informatik-Jobs zu zählen sind. Und kaum ist die Arbeit beendet, verbringen wir viel Zeit mit unseren Smartphones, auf denen häufig Texte und Bilder sehr klein dargestellt sind… eine echte Herausforderung für die Augen. Vor dem Schlafen noch ein paar Seiten im Buch schmökern… selbst dann verlangen wir den Augen noch Höchstleistungen ab.

Sicherlich, die Augen sind dafür gemacht, den ganzen Tag aktiv zu sein. Der ständige Wechsel von nahen und fernen Sehzielen bei einem Spaziergang in der Natur – das wäre die ideale Anforderung an unsere Augen. Aber wir gönnen ihnen viel zu selten solche Erholungszeiten vom Seh-Stress, der durch das stundenlange Starren auf Displays in der immer gleichen Entfernung entsteht.

Die Folge: Zusätzliche Ermüdung und Angespanntheit, obwohl das Leben ja schon anstrengend genug ist

Warum eine Gleitsichtbrille?

Wenn die Elastizität der Augenlinse im Alter von etwa 40 Jahren nachlässt, dann können sich unsere Augen immer weniger auf unterschiedliche Entfernungen einstellen. 

Die Gleitsichtbrille ist eine Unterstützung für das Auge, um auszugleichen, was die Linse selbst nicht mehr kann. Damit gelingt scharfes Sehen sowohl in der Ferne als auch in der Nähe.

Das Besondere an der Gleitsichtbrille

Eine Gleitsichtbrille verbindet in einem einzelnen Glas mehrere Sehfelder für verschiedene Entfernungen: oben fern, unten nah, in der Mitte alles dazwischen. Was sich in diesen zwei Sätzen so leicht beschreiben lässt, ist ein wahres Erfolgsmodell, das in den 50er Jahren seinen Ursprung hat.

Doch zuvor schon: Hätten Sie’s gedacht? Benjamin Franklin wurde vor 316 Jahren geboren und hatte als ein begeisterter Erfinder bereits den ersten Schritt zur Gleitsichtbrille unternommen. Ihn ärgerte das ständige Auf- und absetzen von Brillen je nach der notwendigen Blickentfernung.

So kam es, dass er seinen Haus- und Hofoptiker bat, die Gläser von zwei baugleichen runden Fassungen zu halbieren und zwei halbierte Stücke der Ferngläser in die obere Hälfte und zwei halbe Stücke der Lesebrille in die untere Hälfte in ein und dieselbe Fassung einzubauen.Und fertig waren die erste Bifokalgläser, weshalb man sie auch Franklingläser nennt.

Sie kennen diese Art Gläser sicher noch von der Generation der Großeltern. In den Gläsern der Brille war ein kleines, deutlich sichtbares Feld für den Nahbereich eingeschliffen.

Wenn Sie bereits eine Gleitsichtbrille tragen, werden Sie vielleicht dazu neigen, diese erste Frage zu überspringen. Wenn Sie jedoch etwas neugierig sind, zu erfahren, was sich in Ihren Augen abspielt und die Antwort auf die Frage 3 mit mir gemeinsam herleiten möchten, dann lesen Sie hier gleich weiter.

Und für Sie, wenn Sie sich mit der Frage beschäftigen „Brauche ich womöglich eine Brille?“, weil die Kontouren des Umfeldes beim Blick in die Ferne an Schärfe abnehmen und die Arme beim Lesen eines Buches oder der Zeitung immer länger ausgestreckt werden müssen, finden sich hier wichtige erste Erkenntnisse und damit eine Hilfestellung zu der Frage, ob der Gang zum Optiker für Sie jetzt schon sinnvoll ist.

2. Was steckt hinter der innovativen Idee „biometrische Gläser“?

Wie Sie erfahren haben, gibt es Gleitsichtbrillen schon sehr lange. Sie werden seit Jahrzehnten von Augenoptikern für Ihre Kunden erfolgreich angepasst und gefertigt. Nach einer meist kurzen Eingewöhnungsphase erlauben sie vielen Menschen mit einer einzigen Brille verschiedene Lebenssituationen gut bewältigen zu können, ohne ständig die Brille wechseln zu müssen.

Doch für viele Menschen stellt sich das nicht so einfach dar wie beschrieben. Warum? Für die Anpassung der Gleitsichtgläser wird bisher ein durchschnittliches Auge als Maßstab verwendet, ein sog. “Modell-Auge”.

Doch jeder Mensch ist einzigartig, von Zwillingen abgesehen, haben wir alle ein ganz individuelles Aussehen, sind unterschiedlich groß und die Körperproportionen sind so variabel wie die Fingerabdrücke. Das Gleiche gilt für unsere Augen, bei denen die äußere Hornhaut unterschiedlich gekrümmt, die Augenlinse unterschiedlich dick und das Auge insgesamt unterschiedlich lang sein kann, um nur einige Beispiele zu nennen.

Das Besondere am Auge ist allerdings, dass ein gutes Sehen entscheidend davon abhängt, dass die einzelnen Teile gut zusammenspielen, es kommt auf jeden Millimeter an. Und da lange Zeit eine individuelle Ausmessung aller Aspekte des Auges viel zu kompliziert oder sogar unmöglich gewesen wäre, mussten sich die Augenoptiker auf ein Durchschnitts-Auge verlassen.

Damit wurden gute Ergebnisse erzielt, aber im Grunde war die Situation so, als würden Sie im Bekleidungsgeschäft einen Anzug nur aufgrund der Körpergröße aussuchen. Wir alle wissen, dass die Körperform durchaus wichtig sein kann bei der Frage, ob der Anzug passt. Und nicht jeder Körper lässt sich den Größen S, M, L, XL oder XXL zuordnen.

Hier kommt beim Auge nun die Biometrie ins Spiel, ein Begriff, den die meisten Menschen nur vom Passbild kennen, und nicht von der Brille. Biometrie heißt aber lediglich, Körpermerkmale exakt zu vermessen. Auf das Auge bezogen bedeutet es vor allem, ganz genau auf die Besonderheiten des individuellen Auges einzugehen und nicht ein Modell-Auge zu verwenden, dem das einzelne Auge zwar nahe kommt, in vielen Aspekten aber deutlich abweicht.

WAS BRINGEN BIOMETRISCHE GLEITSICHTGLÄSER?

Zur Anpassung einer biometrischen Brille wird ihr Auge individuell vermessen. Augenbaulänge, Hornhautdicke, Kammerwinkel, Linsenabstand zur Hornhaut und was alles dazu gehört, um dann aus Ihrem individuellen Daten ein Glas zu formen. Bisher trifft auf lediglich 2 % der Bevölkerung zu, was ein Augenmodell darstellt. 2 % aller Menschen, die eine Brille tragen, werden im Moment abgeholt mit herkömmlichen Brillengläsern.

Foto: Rodenstock

Die maßgeschneiderte Brille, darum geht es also bei biometrischen Brillen. Und was bringt dieser “Maßanzug” für Ihre Augen?

Entscheidend in der Praxis des Sehens

Biometrische Brillengläser sind durch die Weiterentwicklung moderner Messmethoden möglich geworden, aber ihr Wert zeigt sich erst in der Praxis. Exaktes Vermessen ist kein Selbstzweck, es muss auch zu einem besseren, entspannteren Sehen führen.

Inzwischen liegen schon viele Berichte und Studien vor, die den Vorteil von biometrischen Gleitsichtgläsern nachgewiesen haben. Zum Teil kann der Unterschied ganz massiv sein. Manche berichten, dass sie gar nicht spüren, überhaupt eine Gleitsichtbrille zu tragen, was in diesem Fall eine äußerst positive Erfahrung ist: Da wackelt und schwankt das Bild nicht so, wie es sonst von Gleitsichtbrillen oft berichtet wird.

Andere berichten davon, dass sie endlich beim langen Arbeiten am Bildschirm keine Beschwerden im Kopf-Nacken-Schulter Bereich mehr haben – und merken dabei erst, wie sie bei ihren früheren Brillen über kurz oder lang eine unbequeme Kopfhaltung eingenommen hatten, um aus einer nicht-optimalen Brille noch das Beste herauszuholen. 

3. Ist die biometrische Gleitsichtbrille auch gut für mich?

Da lautet meine Antwort, wie die eines Anwalts: Es kommt darauf an… .

Vielleicht überrascht Sie diese Antwort. Daher lassen Sie uns noch einmal auf den Maßanzug zurückkommen: Wenn Sie eine durchschnittliche Körperform besitzen, dann werden Sie sicher einen Anzug von der Stange finden, der Ihnen wunderbar passt. Eine Maßanfertigung wäre dann eine Verschwendung von Zeit und Geld.

Beim Auge ist es allerdings so, dass nur etwa 2% der Augen dem Durchschnitts-Auge entsprechen, das für die Anpassung von Brillen zu Rate gezogen wird. In 98% der Fälle stehen also Augenbaulänge, Linsendicke und Hornhautkrümmung in einem anderen Verhältnis zueinander als beim durchschnittlichen Auge. Diese Abweichungen individuell, bei Ihren Augen zu messen und bei der Gestaltung Ihrer Brille zu berücksichtigen – das ist das Erfolgsgeheimnis der biometrischen Gleitsichtbrille.

Der erste Schritt ist also eine gründliche Untersuchung Ihrer Augen mit viel umfassenderen Messmethoden, als wir sie bisher verwenden. Aber auch die Bedarfsanalyse ist für den Erfolg von entscheidender Bedeutung. Wollen Sie ein entspannteres Sehen v. a. beim Arbeiten am Bildschirm erleben, oder stehen bei Ihnen Hobbys wie Musizieren oder handwerkliche Tätigkeiten im Vordergrund? Nicht zuletzt ist Ihre Motivation ein wichtiger Faktor. Wenn wir schon das Älterwerden und die damit verbundenen Veränderungen der Augen nicht verhindern können, so können wir doch die faszinierenden, technischen Entwicklungen der Augenoptik zu unserem Vorteil nutzen: Länger im Leben richtig gut und entspannt sehen können.

Als Optiker mit jahrzehntelanger Erfahrung empfehle ich Ihnen ganz persönlich nur Brillengläser, die Ihnen und Ihren Augen gut tun, quasi als “Anwalt Ihrer Augen”.

7 Kriterien, ob eine biometrische Gleitsichtbrille auch gut für Sie ist

Wer mich bereits kennt, weiss, dass ich bei Neuentwicklungen immer gut für kritische Betrachtungen bin. Im Sinne meiner Kunden.

Daher habe ich meine kritische Betrachtung zur biometrischen Gleitsichtbrille mit einer 7-Punkte-Checkliste verbunden, anhand derer Sie in einem ersten Schritt erkennen können, ob diese Innovation auch das Richtige für Sie und Ihr gutes Sehen sein kann.